Was meinen Sie? Hören Sie tatsächlich zu? Wissen Sie wirklich, was ehrliches, offenes, gestaltendes und bestätigendes Zuhören ist? Oder überlegen Sie nach dem fünften Satz Ihres Gegenübers bereits, was Sie als nächstes sagen werden – bereiten Sie also bereits Ihren nächsten Angriff vor, während der Andere noch redet?
Laut den neuesten Studien hören wir Menschen tatsächlich nur 25% des Gesagten und nehmen es auf. Vom Rest bilden wir uns nur nur ein, es gehört haben.
Hören Sie Ihren Kindern zu? Ihren Kollegen, Ihren (Ehe)Partnern? Oder bewerten Sie das Gehörte bereits nach Ihren Maßstäben, nach Ihren Erfahrungen aus Ihrer Vergangenheit, nach Ihren politischen, religiösen oder gesellschaftlichen Ansichten?
Sie merken schon, Zuhören im Sinne des Eingangssatzes ist wesentlich mehr. Viel, viel mehr, als die akustischen Schallwellen des Anderen im eigenen Gehirn wieder in Worte zusammen zu fügen.
Zuhören hat etwas mit tieferen Verständnis des Gegenübers und mit Empfindung zu tun
Wenn Sie sich nicht sicher sind, ob Sie offen und gestaltend zuhören können, so probieren Sie doch einmal dies aus:
Wenn Sie an einen sonnigen Tag spazieren gehen, vorzugsweise in den Wald – und zwar dorthin, wo keine anderen Menschen sind. Setzen Sie sich auf einen Stein oder einen Baumstamm oder nehmen Sie meinetwegen auch einen eigenen Klappstuhl mit.
Und dann versuchen Sie den Wald zu hören. Wenn Sie nicht gerne in den Wald gehen, gehen Sie woanders hin. Hauptsache Sie sind ungestört und es ist die Nátur, die Sie versuchen zu hören.
Ich kann schon das müde und abwertende Lächeln Einiger sehen und spüren.
Für diejenigen ist jede Hoffnung verloren.
Für die Anderen: Hören Sie die Natur. Und durch das Hören müssen Sie die Natur spüren.
Die Natur spricht zu uns – die Natur stellvertretend für Mutter Erde – mal lauter, meistens leise. Wie wollen Sie den anderen Menschen zuhören, wenn Sie noch nicht einmal das, was uns alltäglich umgibt (eben die Natur) nicht hören.
Also:
Setzten Sie sich hin, schließen Sie die Augen und achten Sie auf Ihre Atmung. Atmen Sie bewusst langsam und entspannt. Beobachten Sie, wie Sie ruhiger werden.
Und dann wechselt Ihre Konzentration vom Inneren (also von Ihrer Atmung) zum Äußeren (also die Geräusche des Waldes, die an Ihre Ohren dringen). Halten Sie die Augen dabei weiterhin geschlossen.
Achten Sie auf jedes Geräusch – auf das Knacken von Holz, das Rauschen des Windes in den Baumkronen, das Rascheln der Blätter, Vogelgezwitscher.
Das ist das erste was Sie hören werden. Das ist vergleichbar mit dem einfachen Hören der Worte Ihres Gegenübers während eines Gespräches. Ich möchte es einfach einmal „Oberflächliches Hören“ nennen.
Und jetzt hören Sie der Natur (ich bleibe beim Beispiel Wald) ehrlich und offen zu. Hören Sie die Geräusche hinter den Geräuschen, die Sie als erstes gehört haben. Sie werden Sie hören, wenn Sie sich ausschließlich auf das Hören konzentrieren. Sie werden z. B. das oft genannte „Raunen“ der Bäume hören. Das ist deren Sprache. Hören Sie zu, Sie werden das Raunen hören. Es mag nicht sofort geschehen aber es wird geschehen. Plötzlich werden Sie ganz andere Geräusche hören.- die leisen, hintergründigen und Sie werden denken, der Wald würde mit Ihnen „sprechen“.
Ja, ich weiss, klingt für Sie albern und zu esoterisch….
Deshalb werden Sie auch nie richtig zuhören, wenn Sie noch nicht einmal offen für andere Ansichten sind…
Wie wollen Sie Ihren Mitmenschen, gewinnbringend für beide Seiten, zuhören, wenn Sie noch nicht einmal richtig lesen? Oder wenn Sie das Gelesene mit einem Abwinken als lächerlich abtun und noch nicht einmal ansatzweise darüber nachdenken?
Unzählige Ureinwohner (ich nenne stellvertretend einmal die Indianer, sowie die Ureinwohner Neuseelands und Australiens) sprechen mit Ihrer Natur, also mit der Erde. Das ist für sie selbstverständlich und elementar. Es gehört zu Ihrer Weltanschauung. Es ist Ihr Dasein.
„Lehrt eure Kinder, was wir unseren Kindern lehrten. Die Erde ist unsere Mutter. Was die Erde befällt, befällt auch die Söhne und Töchter der Erde. Denn das wissen wir: die Erde gehört nicht den Menschen – der Mensch zur Erde. Alles ist miteinander verbunden wie, das Blut das eine Familie vereint.“
(Indianische Weisheit)
Und Häuptling Luther Standing Bear meinte:
„Die alten Dakota waren weise. Sie wussten, dass das Herz eines Menschen, der sich der Natur entfremdet, hart wird. Sie wussten, dass mangelnde Ehrfurcht vor allem Lebendigen und allem, was da wächst, bald auch die Ehrfurcht vor dem Menschen absterben lässt. Deshalb war der Einfluss der Natur, die den jungen Menschen feinfühlig machte, ein wichtiger Bestandteil ihrer Erziehung.“
Also noch einmal: Hören Sie dem Wald zu. Die Natur hat einiges zu erzählen.
Ich kann Ihnen versichern – es ist sehr, sehr schwer, seinen Menschen zu zuhören, ohne sich – in welcher Form auch immer – ablenken zu lassen. Denn Störungen gibt es mannigfach.
Und deshalb sollten Sie das Zuhören der Natur an den Anfang setzen – sich hierbei nicht ablenken zu lassen und sei es nur durch die eigenen Gedanken – ist schon äußerst schwierig und anstrengend.
Erst, wenn Sie verstanden haben, worauf ich hinaus möchte und Sie die Natur hören (Sie müssen sie nicht verstehen, sondern Ihre Sprache hören und fühlen), können wir dazu übergehen, unseren Mitmenschen wirklich zu zuhören.
Beim nächsten Mal dann.
„Um sich miteinander zu verständigen, muß man nicht nur auf den Sprecher hören, sondern auf den Akt des Zuhörens selbst.
Krishnamurti, Vollkommene Freiheit“