Die Aliens folgten einer einfachen militärischen Doktrin: Sie wussten, dass sie den Schiffen seines Volkes im Kampf eins zu eins unterlegen waren und griffen deshalb immer mit einer absoluten Überzahl an. Schrumpfte diese Übermacht auf unter eins zu acht zusammen, zogen sie sich zurück (was in diesem Krieg nicht oft vorkam). Wenn sie dann aber erkannten, dass eine Flucht nicht mehr möglich war, stellten sie sich stumpf dem Kampf und ließen sich wie Zielscheiben zusammenschießen. Sie feuerten zwar aus allen Geschützen, machten sonst aber selten Anstalten ihr Ende hinauszuzögern.
Diesmal war es anders. Der feindliche Alienkommandant ließ seinen Piloten komplizierte Manöver fliegen, machte Finten, täuschte, flüchtete, griff an, setzte sich ab, versteckte sich. Vielleicht lag es daran, das es sich bei dem feindlichen Schiff nicht um eines ihrer riesigen Schlachtschiffe oder Truppentransporter handelte, sondern um eine kleinere Einheit, nicht viel größer als der Kampfraumer des Piloten. Dieses Schiff war merklich schneller als seine großen Brüder und Schwestern, sogar schneller als das Schiff des Piloten. Gewiss, der Alien hatte waffentechnisch eine relativ kleine Chance ihnen beizukommen aber er hatte die Schnelligkeit seines Schiffes jetzt schon zweimal geschickt eingesetzt, um den Schutzschirm ihres Schiffes mit seinen Waffen zum Flimmern zu bringen. Und das war besorgniserregend. Man hatte keine Erfahrung mit diesem taktischen Verhalten. Zumindest nicht der Kommandant des Piloten. Seit dem letzten Angriff des Aliens war fast eine Stunde vergangen. Er hatte sich abgesetzt und war von den Ortungsschirmen verschwunden. Die Spur seiner Antriebsemissionen hatte in ein nahegelegenes Sternensystem geführt. Aber diese Information war nicht wirklich hilfreich. Wieder einmal hatte der feindliche Kommandant seine Intelligenz unter Beweis gestellt und sein Schiff in ein Sonnensystem geführt, dass aus dreizehn Planeten bestand, von denen manche mehrere Monde besaßen, die teilweise sogar eigene Trabanten hatten. Was die Suche noch weiter erschwerte, war ein ausgedehnter Asteroidenring zwischen den beiden äußeren Planeten. Ein Teil der kosmischen, zerklüfteten Trümmer waren fast ebenso groß wie kleine Monde. Ein großes und unbewohntes System. Für sie. Für den Alienkommandanten bot es zig Möglichkeiten sich zu verstecken. Oder sich für eine Falle auf die Lauer zu legen.
Nun trieb das Schiff des Piloten also langsam von schräg ‚oben’ auf das System hinab und versuchte den Fremden aufzuspüren, dessen Spur sich zwischen dem Trümmerring verloren hatte.
Der Kommandant hatte den Antrieb auf Leerlauf herunterfahren lassen, um den eigenen Ortungsinstrumenten noch weniger Grund für verfälschte Messungen zu geben.
Aber auch das hatte nichts gebracht. Das Raumschiff der Aliens blieb verschwunden. Der Pilot schaute nach rechts zum Orter. Der studierte seine Instrumente und Anzeige in höchster Konzentration, nahm Feinabstimmungen vor und horchte auf die Hintergrundstrahlung des Alls, die von den hochempfindlichen Sensoren und Antennen des Schiffes eingefangen und an seinen Kopfhörer weitergegeben wurde. Seinem Gesicht nach zu schließen war aber auch hier nichts aufzunehmen. Außer dem Klang der Unendlichkeit – das innerwährende Singen des Universums mit seiner ganz eigenen und unverwechselbaren Melodie.
Hinter dem Piloten, im vorderen mittleren Bereich der Zentrale saß der Kommandant in seinem Kommandosessel und beriet sich mit seinem Stellvertreter. An ihrem Gesten und an ihrer Mimik konnte der Pilot erkennen, dass beide nicht weiter wussten, keine Ideen in ihre Köpfe fuhren, keine Erleuchtung sie heimsuchte, wie man dem feindlichen Schiff auf die Schliche kommen konnte. Der Pilot konnte die Ratlosigkeit auf ihren Gesichtern sehen – nur allzu deutlich.
Links vom Pilot saß der Waffenmeister an seinen Kontrollen und studierte die letzten Protokolle, suchte nach einer Lösung, gewillt beim nächsten Schlagabtausch dem Alienschiff alle im zur Verfügung stehenden Strahlen und Sprengkörper in den unwirklichen Bauch zu platzieren.
Der Pilot versuchte sich in die Rolle seines Kommandanten zu versetzen.
Natürlich könnten wir Verstärkung rufen aber um dieses System effektiv durchsuchen zu können, bräuchten wir weit mehr Schiffe als man uns zugestehen würde. Falls wir überhaupt Schiffe bekommen würden. Die Front ist groß und breit und unsere Reihen sind ausgedünnt. Der Pilot lachte innerlich auf. Oh, die Aliens haben nicht unsere Probleme, ihre Industrie baut immer weiter, ihre Weibchen setzten unermüdlich neuen Nachwuchs in ihre Welt. Unsere Industrie ist spezialisiert, mehr auf Qualität ausgerichtet aber dies nützt uns in diesem Krieg wenig. Aber unsere Führer scheinen blind für diese Schwäche zu sein. Sie wollen nicht erkennen, dass wir mit halb so guten Schiffen immer noch kampfkräftiger als die Aliens wären aber schneller bauen könnten.
Aber wenn wir keine Verstärkung rufen oder kriegen, was wollen wir dann jetzt und hier tun? Warten? Und wie lange? Bis der Alien dann doch zu einem neuen Angriff auftaucht und wieder verschwindet? Das kann doch dann noch ewig dauern.
Oder abziehen und den Alien ein Alien sein lassen? Also nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass sich der Kommandant dazu entschließt. Das käme doch einer Niederlage gleich. Das würde zeigen, dass wir feige sind, dass wir dem Alien nicht überlegen sind. Ich weiß es nicht. Gut, dass ich nur Pilot und kein Kommandant bin.
Der Pilot fragte sich, warum ihre Führer noch nicht bei anderen Rassen um Hilfe gebeten hatten, auch die mussten erkennen wie blutrünstig und bösartig die Aliens waren. Oder haben sie die benachbarten Rassen bereits um Hilfe gebeten und diese nicht bekommen? Haben die sich vielleicht schon mit den Aliens verbündet? Ein Schlag ging durch den Körper des Piloten und er setzte sich abrupt aufrecht und spann das Gedankenspiel weiter.
Konnte das vielleicht der Grund für die unglaublichen Ressourcen der Fremden sein?
Vielleicht werden sie von anderen Völkern mit Rohstoffen oder sogar Technik beliefert. Wir haben ja nicht nur Freunde in der bekannten Galaxis. Nicht alle sind uns wohlgesonnen. Angestrengt rieb sich der Pilot den Nasenrücken. Vielleicht so eine Art Rache für einen verlorenen Krieg. Aber wenn ich überlege, gegen wir in unserer jüngeren Geschichte Krieg geführt haben – das sind drei Rassen. Ich glaube, die hätten, selbst wenn sie alle mit den Feinden verbündet wären, nicht die Kapazitäten um den Aliens in diesem Ausmaß helfen zu können.
Unmerklich schüttelte der Pilot den Kopf. Das konnte es also auch nicht sein. Vielleicht eine ältere Rasse. Aber in der weit zurückliegenden Geschichte seines Volkes war der Pilot nicht bewandert. Er war doch noch jung. Und die ältere Geschichte war in der Schule immer nur kurz angerissen worden. Dies kam erst in den weiterführenden Schulen zur Sprache.
Ehe der Pilot sich wieder entspannen und zu seiner ursprünglichen Sitzposition zurückkehren konnte, wurde er durch ein Piepen aufgeschreckt, welches von der Ortungsstation in seine Ohren drang. Ortungsalarm! Sein Kopf schnellte nach rechts. Ebenso der Kopf des Kommandanten und der seines Stellvertreters. Konzentriert las der Orter seine Anzeigen ab und machte dann Meldung: