„Tasterreflex auf…“, er nannte ein paar Zahlen, „Nicht natürlichen Ursprungs, Bewegungsrichtung nach…“ wieder Zahlen, „ …kontinuierlicher Geschwindigkeitsaufbau. Für eine genaue Ortung ist die Entfernung noch zu groß. Aber die Masseangabe stimmt nicht mit den Werten des Alienraumers überein.“
Noch ein fremdes Raumschiff?
Kommandant und erster Offizier schauten sich an. Der Pilot hatte den Antrieb anfahren lassen und wartete auf den Befehl zum Start. Aber der kam nicht.
„Orter. Wohin führt der Kurs genau? Extrapolieren sie so weit wie möglich.“
„Dicht am dritten äußeren Planenten vorbei. Mit zweimaligem Durchflug des Trümmerringes. Dann kernauswärts aus dem System. Und zwar mit einem Winkel von 112 Grad von unserer Position.“
Nachdenklich kratzte sich der Kommandant am Kinn und flüsterte seinem Stellvertreter etwas zu. Der nickte, schien aber nichts zu antworten.
„Pilot, Antrieb hochfahren und langsamen Kurs auf die Position, wo der Alien zum ersten Mal geortet wurde. Ich habe das Gefühl, unser ‚Freund’ will uns mal wieder in eine Falle locken oder uns drängen, dass wir dieses System verlassen. Haben wir Daten über das flüchtige Schiff? Haben die vielleicht Beiboote an Bord?“
„Unsere Daten über die Aliens sind mehr als dürftig. Der Schiffstyp dort draußen ist in den Datenbanken überhaupt nicht vorhanden. Aber es ist eher unwahrscheinlich, dass dieser Raumer ein Beiboot besitzt, zumindest keines mit dermaßen hohen Beschleunigungswerten. Das erfordert eine gewisse Maschinengröße und folglicherweise ein entsprechend großes Schiff.“
Der erste Offizier schaute wieder von seinem tragbaren Computer hoch und seinen Vorgesetzten an. Dieser wiederum drehte sich zum Piloten um.
„Auf einen halben Sublicht erhöhen. Waffenmeister, bereiten sie eine Sonarbombe vor. Bei Erreichen der äußersten Waffendistanz die Bombe abfeuern und an der Stelle detonieren lassen, an der die Ortung den Alien ausgemacht hat. Ebenso feuern sie Raumminen ab und zwar mit kugelförmiger Entfaltung um die Detonation der Sonarbombe. Minimalste Verzögerung, Entfernung zum Mittelpunkt 3000 Kilometer. Pilot: zum Zeitpunkt des Abfeuerns auf Minimalfahrt gehen.“
Endlich gibt es wieder etwas zu tun. Diese Warterei zerrt wirklich an den Nerven.
Der Pilot sah auf sein Steuerpult und nahm eine Verbundschaltung mit der Waffenstation vor, so dass der Antrieb sofort nach Abfeuern der Sonarbombe Gegenschub gab und das Schiff auf die, vom Kommandanten angeordnete, Geschwindigkeit verlangsamte.
Die Stimme des Orters zerschnitt die angespannte Ruhe in der Zentrale:
„Der erste Ortungsimpuls liegt kurz hinter dem dicken Trümmerstück in Raster 25.“
Der entsprechende Ausschnitt wurde in vergrößerter Form auf dem Hauptbildschirm dargestellt. Rechts unterhalb des großen Asteroiden wurden Daten eingeblendet. Danach war dieses Trümmerstück wirklich ‚dick’. Auf jeden Fall groß genug, dass sich dahinter ein Raumschiff verstecken konnte.
„Irgendetwas stört mich,“ meinte der erste Offizier, „der Alien kann sich doch denken, dass wir genau das tun, was wir gerade machen. Bis jetzt hat er gezeigt, wozu er in der Lage ist. Und dazu gehört auch zwei bis drei Schritte weiter zu denken. Das erscheint mir zu einfach.“
Nickend nahm der Kommandant den Einwand zur Kenntnis, sagte aber ansonsten nichts.
Unter dem Piloten vibrierte der Boden leicht, als die Minen abgeschossen wurden. Die Sonarbombe hatte bereits vorher – unbemerkt – ihr Trägerschiff verlassen. Zeitgleich hatte das Schiff verlangsamt und ‚kroch’ jetzt vorwärts. Kurze Zeit später schlugen sämtliche Ortungstaster aus, als die Sonarbombe explodierte.
Eigentlich handelte es sich gar nicht um eine Bombe. Das kugelförmige Gebilde platzt an den angegeben Koordinaten auseinander und setzt massive – auch überdimensionale – Störstrahlen frei, welche gegnerische Sensoren kurzfristig lahm legen sollten.
Mit kaum merklichem Unterschied detonierten die Raumminen an ihrer vorgesehenen Stelle. Als das Licht der Explosionen das Raumschiff erreichte, verdunkelte sich automatisch der Bildschirm, ansonsten hätte die Zentralbesatzung einige Zeit eklatante Sehstörungen erdulden müssen. Der Bereich, in dem die Raumminen explodierten, hüllte sich in ein Gemisch aus Licht, Gasen und Trümmerbrocken. Farbige Feuerkaskaden sprangen aus der Explosionswolke hervor, griffen nach benachbarten Asteroidenstücken und zermahlten diese, fraßen sie auf, zerschmolzen sie.
Und mitten aus der Explosion stachen rote Finger nach dem Schiff des Piloten, hämmerten in den Schutzschirm und wurden zurückgeworfen. Die mechanische Energie der Schutzschirmeinschläge machte sich in der Zentrale akustisch bemerkbar. Da alle Besatzungsmitglieder schon seit Beginn der Raumschlacht ihre Schutzanzüge trugen, fuhren jetzt nur noch die Helme aus den Krägen und legten sich schützend über ihre Träger. Gleichzeitig schaltete sich der Bordfunk ein. Nun konnte man sich trotz des tobenden Lärms verständigen.
Allerdings sagte zurzeit niemand ein Wort. Denn das sie mitten aus der Explosionswolke heraus beschossen wurden, war so gut wie unmöglich.
Der Pilot zog das Schiff zur Seite weg und die Energiestrahlen schossen an ihnen vorbei, hörten dann kurz auf, erschienen erneut und wanderten ihnen dann nach.
„Wieso Namen hat er die Explosion überlebt. Und wieso kann er mitten aus der Detonation heraus auf uns feuern?“
Die Stimme des Kommandanten klingt ein wenig zitternd. Wenn nicht sogar ängstlich. Dachte der Pilot bei sich, als er sein Schiff weiter zur Seite zwang und dabei den Antrieb hochfuhr. Unterdessen jagte der Waffenmeister diverse Strahlen und Raketen in die Wolke, die sich auflöste.
Auf Nachfrage entgegnete der Orter:
„Ich habe ihn. Hinter dem großen Trümmerstück war ein zweites. Dazwischen muss er gewesen sein, als die Minen explodiert sind. Die Asteroiden haben in vermutlich geschützt. Danach scheint er in die Gaswolke geflogen sein und feuerte auf unsere letzte, ihm bekannte Position.“
„Waffenmeister, eine Rakete mit Atomsprengkopf Klasse 3“
„Verzeihung Kommandant aber das erscheint mir zu gefährlich. Die Explosion wäre uns zu nahe.“
„Ich will die Rakete auch nicht auf ihn feuern!“ Wütend schaute der Kommandant seinen Vertreter an. „Aber wir machen dem Ganzen hier und jetzt ein Ende. Dieser verdammte Alien hat uns schon genug Zeit gekostet!“
Dann wandte er sich wieder an den angesprochenen Waffenmeister:
„Die Rakete mit einem Vorsprengkopf ausstatten. Dann feuern sie auf einen großes Trümmerstück in der Nähe des Alien. Vorsprengung bei Aufschlag. Hauptdetonation eine Sekunde später. Die Explosionstrümmer, die in seinen Schutzschirm fliegen werden, sollten ihn zumindest für kurze Zeit irritieren und blenden. Dann Wirkungsfeuer mit allen Waffen, Selbst wenn uns das kurzzeitig Energie aus dem Antrieb und dem Schirm nehmen sollte.“ Er sah kurz auf die Anzeige an seinem Bildschirm. „Die Schirme halten seinem Feuer im Moment noch mühelos stand. Fangen sie an!“
Fast so groß wie ein kleines Beiboot verließ die Trägerrakete mit einem Röhren den Schiffsleib und strebte dem anvisierten Asteroidenstück zu. Im Vergleich zu dem was dann folgte, war die Explosion der Raumminen zuvor nur eine kleine Verpuffung. Selbst durch die immer noch vorhandene Filterung auf dem Bildschirm schmerzte das grelle Blitzen in den Augen. Im Stakkato schlugen abgesprengte Brocken des Zieles in den Schutzschirm ein. Sämtliche Taster schlugen aus, als die Atomexplosion – nicht durch eine Atmosphäre gebremst – in einer Kettenreaktion mehr und mehr Asteroiden auffraß. Und durch den ganzen Lärm und das Licht hindurch quälte sich die Stimme des Orters: „Da ist er! Markierung erfolgt!“
Ohne Steuerung und Antrieb trudelte der Alienraumer, sich drehend und rollend, von der Explosion weg. Und dann erfassten ihn mehrere Raketen und Energiestrahlen. Zerrten an seinem Schutzschirm, der aufflackerte und erlosch. Seine metallene Hülle bot wenig Schutz und setzte den zerstörerischen Waffen nur wenig Widerstand entgegen, als sie in den Schiffskörper eindrangen. Und plötzlich war es vorbei. Stille in der Zentrale. Die letzten Materiereste des Feindschiffes trudelten in alle Richtungen davon, prallten mit Asteroiden zusammen, strebten dem offenen Weltraum entgegen oder wurden von den Ausläufern der Atomexplosion verschluckt.
Es ist vorbei. Endlich ist es vorbei.
Der Pilot stoppte das Schiff, unschlüssig, welchen Kurs er ohne Anweisung einschlagen sollte. Alle starrten auf den Bildschirm, der gar nicht in der Lage war, wirklich emotional wiederzugeben, was dort draußen geschehen war.
Langsam drehte sich der Kommandant in seinem Sitz um und schaute seine Untergeben einem nach den anderen an.
„Danke Männer, ihr habt eine gute Leistung vollbracht. Pilot, setzen sie einen Kurs zur Flotte.“ Dann drehte er sich wieder um und starrte gedankenverloren auf den Hauptbildschirm.
Automatisch tippte der Pilot seine Kursangaben in den Navigationsrechner, setzte die Startsequenz in Gang und lehnte sich, als das Schiff herumschwang um das Sonnensystem zu verlassen, in seinem Sitz zurück.
Wir müssen Angst haben. Wenn die Aliens anfangen alle so findig zu werden wie dieser Kommandant und sie in der Lage sind bessere Schiffe und Waffen zu bauen, dann wird unser Volk ausgelöscht werden.
Mit Ekel dachte der Pilot an die Bilder, die man ihnen von den Aliens gezeigt hatte. Widerwärtige, hochaufragende und haarlose Körper. Unförmige, waagerechte Mundöffnungen mit breiten Beißwerkzeugen. Dem Piloten drehte sich beim bloßen Gedanken an die bösartigen, alles zerstörenden, sich ungebremst vermehrenden und aggressiven Aliens der Magen um. Allein schon wie sie sich selbst nannten, ein in der Sprache seines Volkes kaum auszusprechender Name:
MENSCHEN!